Einmal Kaiserschnitt - immer Kaiserschnitt?

14.02.2017

In den meisten Kliniken ist eine Vaginalgeburt nach einem früheren Kaiserschnitt (VBAC = vaginal birth after caesarean) völlig normal und keinesfalls nur eine Ausnahme. Bei den Kliniken in Linz ist der VBAC Standard und primäre Empfehlung.

Eine Re-Sectio (erneute Schnittentbindung) kommt nur zum Einsatz, wenn die Frau das ausdrücklich fordert. Nach einer vorangegangenen Schnittentbindung wird sehr oft das nächste Kind wieder auf diesem Weg geboren. In rund 70 Prozent der Fälle kommt es zu einer Re-Sectio, also einem erneuten Kaiserschnitt.  Die Gründe für diese hohe Rate sind vielfältig und die Zahlen variieren von Klinik zu Klinik. Hatte die Schwangere im Vorfeld eine Geburt via Bauchschnitt, wird meist schon bei kleinen Abweichungen und Unsicherheiten sicherheitshalber eine erneute Sectio durchgeführt. Wie schnell der Operation Vorzug gegeben wird, ist aber bei jeder Entbindung und jedem Krankenhaus individuell verschieden und auch abhängig vom Wunsch der Mutter spontan zu gebären. Viele Frauen versuchen es gar nicht erst mit einer natürlichen Entbindung, da sie Komplikationen wie eine Uterusruptur fürchten oder aber Gefallen an dem geplanten Geburtsereigniss finden. Ob wieder ein Bauchschnitt nötig ist oder ob ein VBAC (Vaginalgeburt nach Kaiserschnitt) angestrebt werden kann, hängt von den Umständen und ganz entscheidend auch von der persönlichen Einstellung der Schwangeren ab. Wie jede andere größere Operation ist der Kaiserschnitt nicht frei von Risiken. Wenn eine Schnittentbindung aus medizinischen Gründen nötig ist (medizinische Indikation), überwiegen jedoch in jedem Fall die Vorteile des Eingriffs. Dann dient er dazu, absehbare Gefahren einer vaginalen Entbindung für die Mutter oder das Kind abzuwenden. Der Eingriff wird heute häufig durchgeführt und gilt als sehr sicher. Bei Kindern, die zu früh auf die Welt geholt werden (müssen), sind die Lungen oft noch nicht ausgereift. Um ernsthaftere Atemprobleme zu vermeiden, sollte ein geplanter Kaiserschnitt ohne eindeutige medizinische Indikation deshalb frühestens zwei Wochen vor dem errechneten Geburtstermin (nicht vor der 39. Schwangerschaftswoche) durchgeführt werden. Neugeborene, die per Kaiserschnitt geboren werden, benötigen häufiger eine medizinische Behandlung. Dies liegt normalerweise nicht an der Operation selbst, sondern an den medizinischen Gründen, die sie nötig gemacht haben – wie zum Beispiel eine Ablösung der Plazenta oder ein drohender Sauerstoffmangel.
Es gibt Hinweise, dass Kinder, die per Kaiserschnitt geboren wurden, später häufiger an Allergien und Infektionen leiden.
Statistiken zeigen, dass Mütter nach Vaginalgeburten öfter und länger stillen als nach einer Schnittentbindung. Zum Teil ist dies damit zu erklären, dass mehr Kaiserschnitt-Kinder medizinisch behandelt werden müssen und Mutter und Kind daher in den ersten 14 Tagen nach der Geburt häufiger getrennt sind. Stillprobleme können aber auch entstehen, weil es die Wundschmerzen nach der Operation der Mutter erschweren, ihr Kind zu versorgen. Zudem schießt die Milch nach einer Schnittentbindung später ein als nach einer normalen Geburt. Diese Nachteile lassen sich jedoch zu einem großen Teil ausgleichen, wenn die Mutter ausreichend unterstützt wird. Neben der körperlichen Belastung durch die Operationsfolgen können Frauen darunter leiden, keine normale Geburt erlebt oder „geschafft“ zu haben. Dieses Gefühl stellt sich häufiger bei Frauen ein, wenn die Entscheidung für einen Kaiserschnitt überraschend kam. Die Angst um ihr Kind, die unerwartete Operation und das fehlende oder negative Geburtserlebnis können die Mutter und den Vater auch im Nachhinein psychisch belasten. Zu wissen, dass die Schnittentbindung unvermeidlich und die richtige Entscheidung war, ist zwar eine Erleichterung, schafft aber nicht immer die Traurigkeit über den Geburtsverlauf aus der Welt.
Auch wenn der Kaiserschnitt geplant war, kann sich später ein Gefühl des Verlusts einstellen. Solange die Wehen noch nicht eingesetzt haben, sind Körper und Seele oft noch nicht wirklich bereit für die Geburt. Das Geburtserlebnis fehlt: die hormonelle Einstimmung, die euphorischen Gefühle, die die Schmerzen nach einer natürlichen Geburt oft schnell vergessen machen – und nicht zuletzt das Erleben der eigenen körperlichen Fähigkeiten und der Stolz darauf, aus eigener Kraft das Kind zur Welt gebracht zu haben.
Für das Kind besteht ein deutlicher Unterschied zur vaginalen Geburt darin, dass die Schnittentbindung von außen und sehr plötzlich geschieht: Das Kind wird unvorbereitet aus der vertrauten Umgebung herausgeholt – nicht selten auch mit einiger Anstrengung, wenn das Köpfchen bereits ins kleine Becken eingetreten war. Der körperlich fordernde, aktive Geburtsvorgang bleibt aus, worauf das Neugeborene nicht selten mit Umstellungsschwierigkeiten reagiert. Ob und wie sich dies auf die seelische Entwicklung des Kindes auswirken könnte, ist unklar.